Ein Kranz für die Adventszeit – wie alles begann
Der Adventskranz: seine Geschichte, Symbolik und Verbreitung. Und warum feiert man überhaupt die Adventszeit?
Ohne diese besondere Zeit gäbe es vielleicht gar keinen Grund, sich all die schönen Kränze auszudenken und damit unsere Wohnungen und Häuser zu schmücken.
Der Begriff Advent geht auf das lateinische Wort „adventu“ zurück, was so viel wie Ankunft bedeutet. Damit wird auf die Geburt Christi verwiesen. Allererste Spuren der Adventszeit finden wir in den Frühkirchen in Spanien und Gallien. Zu dieser Zeit begann die Adventszeit bereits am 11. November (St.Martinstag). Dabei standen Sühne und Buße sowie Fasten im Vordergrund. Also genau das Gegenteil von Plätzchen, Glühwein, Christkindlmärkten und fröhlicher Weihnachtsmusik.
Die Adventszeit in unserer heutigen Form wurde von Pabst Gregor dem Großen (590 – 604) eingeführt. Gregor war einer der Superstars der katholischen Kirche und hatte enormen Einfluss auf die Auslegung der Bibel und das Kirchenrecht. Wie es sich für einen Superstar gehört, ist er 1295 sogar heiliggesprochen worden. Auf jeden Fall verdanken wir Gregor die 4 Kerzen – denn er hat die Adventszeit auf die 4 Sonntage vor Weihnachten reduziert. Damit wollte er auf die 4.000 Jahre verweisen, die sei dem Sündenfall (Adam, Eva, die Schlange und der Auszug aus dem Paradies. Früheste Form der Gütergemeinschaft. Mitgefangen. Mitgehangen) bis zur Ankunft von Jesus vergangen sein sollen. Diese Berechnungen sind im 17. Jahrhundert durch evangelische Theologen bestätigt worden. Die 4 Kerzen sind also wissenschaftlich abgesichert!
Von Gregor bis zum Adventskranz ist dann eine sehr lange Weile wirklich gar nichts passiert. Genau genommen reden wir von 1.239 Adventszeiten ohne Adventskranz!
Im Jahr 1839 passiert es dann. Der Adventskranz tritt zum ersten Mal in Erscheinung. Und zwar in Hamburg im sogenannten „Rauhen Haus“, einer Einrichtung für Armenkinder. Sein Erfinder ist der evangelische Theologe und Sozialreformer Johann Hinrich Wichern. Herr Wichern war insgesamt eine sehr beeindruckende Person: er widmete sein ganzes Leben der Bildung der Ärmsten, des Anstoßes zur Gründung der Diakonie sowie der Reform des preußischen Strafvollzuges.
Mit dem Adventskranz wollte er aber einem sehr praktischen Problem mit einer eleganten Lösung begegnen. Der Grund war, dass die Kinder ihn ständig fragten, wann es endlich Weihnachten sei – so nahm Herr Wichern ein Wagenrad und bestückte es mit 20 kleinen roten Kerzen für die Wochentage und 4 großen weißen Kerzen für die Sonntage.
Dazu finden wir in den Memoiren des Herrn Wichert eine sehr schöne Beschreibung:
Am ersten Tag wurde eins der Lichter angezündet, am zweiten Tag dazu ein zweites, am dritten ein drittes und so fort, bis der Lichterkranz immer größer ward und glänzender strahlte. Je mehr Lichter desto größer der Jubel unter den Schulkindern, die des Schulmeisters Hauskinder waren.“ vgl. Johann H. Wichern. Sämtliche Werke, Hamburg 1975, Bd. 7, Seite 556
Für den Adventskranz hatte er sich sehr geschickt und kräftig aus der christlichen Symbolik bedient:
· Mit dem Wagenrad bediente er die Symbolik der Kreisform, die im Christentum als Sinnbild für Ewigkeit, Auferstehung und Gemeinschaft steht
· Mit den Kerzen referenzierte er auf die zentrale Rolle des Lichts im Christentum. So finden wir in der Bibel bei Johannes eines der berühmtesten Zitate von Jesus:
„Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben“.
Die Zunahme des Lichts am Adventskranz ist damit ein Ausdruck der steigenden Erwartung der Geburt von Jesus.
In den Jahren nach 1839 verbreitete sich der Adventskranz zunehmend über ganz Deutschland hinweg. Dabei wurde die Anzahl der Kerzen auf 4 reduziert, da dies praktischer ist für den Hausgebrauch ist. Das berühmte Tannengrün kam übrigens erst im Jahr 1860 als Verzierung hinzu. Aus unserer Sicht ein dekorativer Quantensprung.
Heute finden wir den Adventskranz vor allem in Deutschland, Österreich, Skandinavien und Irland. Aber auch in den USA hat sich dieser Brauch aufgrund der vielen deutschen und irischen Einwanderer durchsetzen können.
Den weltweit größten Adventskranz gönnt sich jedes Jahr der Ort Mariazell in Österreich. Der Kaventsmann hat einen Durchmesser von 12 Metern und wiegt 6 Tonnen. Dabei wird die Tradition großgeschrieben – wie sein Hamburger Original ist er mit 24 Lichtern bestückt.
Die Rolle des Lichts und der Besinnung über einen bestimmten Zeitraum hinweg sind so zentrale Elemente, dass wir sie auch in anderen Religionen finden. Beispiele sind das Chanukka-Fest im Judentum sowie das Diwali-Fest im Hinduismus.
Übrigens - so ganz und gar vom Himmel bzw. aus dem Kopf von Herrn Wichern gefallen ist der Adventskranz auch nicht. Bereits im frühen Mittelalter gab es nämlich ein ungeschriebenes Gesetz, dass Mägde und Knechte an eisigen Wintertagen nicht auf dem Feld arbeiten mussten. Als symbolische Handlung wurde dafür der Wagen in der Scheune verstaut und ein Wagenrad im Haupthaus aufgehangen.
Ganz unabhängig davon, ob und wie man gläubig ist oder ob man bei schneidender Kälte nicht aufs Feld will – wir finden Adventskränze einen schönen Brauch und eine wunderbare Verzierung für daheim.
Deshalb freuen wir uns, gemeinsam mit Euch auch in der Vor-Weihnachtszeit Adventskränze zu binden und ein wenig den Geist des guten Johann Hinrich Wichert hochzuhalten. Mit einem liebevoll geschmückten Kranz können wir unsere Freude doch alle ein wenig nachfühlen und das Kind in uns glücklich machen.
Quellen
Rauhes Haus Hamburg: Entstehung des Adventskranzes, Biografie Johann Hinrich Wicherns
https://www.rauheshaus.deDiakonie: Geschichte Wicherns und des ersten Adventskranzes (1839)
https://www.diakonie.atJohann Hinrich Wichern: Sämtliche Werke, Bd. 7, Hamburg 1975